Abschlussbericht

Abschlussbericht des Nutzer*innenbeirats Leerstand Wien
Juni 2016 – Juni 2018
Forderungen für die Zukunft

Wer ist der Nutzer*innenbeirat? Was will der Nutzer*innenbeirat?

Der Nutzer*innenbeirat (NB) für Leerstand in Wien versteht sich als Anlaufstelle für ein diverses Spektrum von Menschen, das leerstehende Objekte temporär oder längerfristig nutzen möchte, sowie als Verbindungsglied zwischen potentiellen Nutzer*innen und der Agentur „Kreative Räume Wien“ (KRW).

Der Nutzer*innenbeirat wurde 2016 – im Zug der Installierung der von der Stadt Wien finanzierten KRW – in einem offenen Treffen gewählt, um die verschiedenen Bedürfnisse und Perspektiven der jeweiligen Nutzer*innengruppen zu erfassen und zu repräsentieren.

Die Beiratsmitglieder kommen deshalb aus folgenden Tätigkeitsbereichen:

Kunst- und Kulturarbeit, partizipative Freiraumgestaltung in Gemeinschaftsgärten, Kampfassistenz für Menschen mit Behinderung, soziale Arbeit sowie Recht auf Stadt

Was sind die Zielsetzungen des Nutzer*innenbeirats?

Chancengleicheit: Der Beirat nimmt Interessen, Probleme und Blickpunkte unterschiedlicher Nutzer*innengruppen auf und macht diese sichtbar. Verhindert werden soll dadurch, dass nur bestimmte (ressourcenstarke) Nutzer*innengruppen ihre Interessen durchsetzen und ihren Bedarf decken können, während andere Gruppen keine Chancen auf eine Nutzung des Leerstandes haben.

Schnittstellenarbeit und Infotransfer: Der Beirat vereinfacht die Kommunikation zwischen potentiellen Nutzer*innen und den Betreiber*innen von KRW. Durch die vielfältigen Erfahrungen und das unterschiedliche Wissen des Beirats wird die Qualität der Agenturarbeit erhöht.

Interessenausgleich: Der Beirat agiert als leicht erreichbare, konstante und zuverlässige Ansprechperson gegenüber der Agentur KRW und beobachtet, erweitert und berät diese in Bezug auf Planung, Durchführung und Auswertung von Maßnahmen. Er ermöglicht eine Anbindung von unten sowie den kritischen Austausch unterschiedlichster Nutzer*innen.

Was hat der Nutzer*innenbeirat von Juni 2016 bis Juni 2018 getan?

  • Ausarbeitung eines Konzeptpapiers für den Nutzer*innenbeirat
  • Organisation und Durchführung eines konstituierenden Treffens, 20. Juni 2016, mo.ë, 1170 Wien
  • Aufbau von Kommunikationsstrukturen (Mailing mit Nutzer*innen, Website),
  • Öffentlichkeitsarbeit (Aussendungen, Flyer, Veranstaltung)
  • Organisation und Durchführung: „Einladung an alle, Leerstand zu nutzen“, 31. März 2017, Amerlinghaus, 1070 Wien. Teilnehmer*innenzahl: 25 Personen
  • Treffen mit der Agentur Kreative Räume Wien
  • Laufende interne Arbeitstreffen
  • Abschlussbericht Mai 2018

Resümee: Nutzer*innentreffen „Einladung an alle, Leerstand zu nutzen“

Am 31. März 2017 fand im Amerlinghaus ein öffentliches Nutzer*innentreffen statt, mit dem Ziel, den Austauschprozess diverser Nutzer*innengruppen zu ermöglichen und Anforderungen zur Stärkung von Nutzer*innenseite zu sammeln.

Folgende Erkenntnisse wurden aus diesem Arbeitssetting gezogen:

Es gibt ein potenzielles Nutzer*innenspektrum, das nicht in der Kreativwirtschaft zu verorten ist und deshalb durch die Arbeit der KRW nicht erfasst wird: Das sind Menschen aus dem sozialen Bereich; Einzelpersonen und nicht etablierte oder noch nicht konstituierte Vereine. Dieses Nutzer*innenspektrum zeichnet sich durch unterschiedlichste Organisationsformen und ein breites Alterspektrum aus. Die Anforderungen sowohl an die gewünschte Nutzungsdauer variieren dabei stark von einigen Tage bis zu Jahren. Ähnliches gilt für die gewünschte Nutzung selbst, die von „Hobby-Nutzung“ bis zu beruflicher Nutzung reicht. Oftmals wurde der Wunsch nach Barrierefreiheit geäußert. Weiters besteht große Unwissenheit bezüglich der Arbeit der KRW und aktueller Raumpolitik in Wien.

Dieses potentielle Nutzer*innenspektrum entspricht weniger dem Segment „jung, kreativ, erfolgreich“ und/oder der in der Ausschreibung festgelegten Zielgruppe der KRW: „Zielgruppe der Agentur ‚Kreative Räume Wien‘ sind Kunst- und Kulturschaffende, WissensarbeiterInnen sowie Unternehmen aus der Kreativwirtschaft.“

Resümee: Umgang der Stadt Wien mit dem Thema Raumnutzung und KRW

Aufgrund der Erfahrungen aus der Arbeit als Nutzer*innenbeirat und aus dem gesammeltes Feedback der Nutzer*innen (sog. Best-practice-Beispiele) ergeben sich folgende Kritikpunkte:

  • Fokus auf „kreative Räume“: KRW bedient ein bestimmtes Segment, das sich auf Zwischennutzungen für kreative, finanziell geförderte und sozial bereits vernetzte Personen, Gruppen und Projekte konzentriert; Vermischung von Kunst und Creative Industries.
  • Fokus auf Zwischennutzungen: Zwischennutzungen stellen nur einen Teil der Raumnutzung dar und decken nicht den bestehenden Raumbedarf nach langfristigen Nutzungen ab. Wenn Zwischennutzungen vermittelt werden, dann auf Betriebskostenbasis. Dies wurde bisher nicht in allen Projekten umgesetzt.
  • Kein Zugriff auf stadteigene Raumressourcen: KRW mangelt es an Zugriff auf leerstehende Immobilien der Stadt Wien.
  • Zielgebiet-Strategie: legt Instrumentalisierung für Stadtentwicklung und Aufwertungsprozesse in angeblich „unbelebten“ Gebiete nahe (Was ändert sich im Grätzl, wenn eine Kunstinitiative dort drei Monate bleibt?)
  • Mangelnde Kommunikation: Teilweise haben die Raumsuchenden keine Rückmeldung erhalten, v. a. wenn es kein passendes Angebot gab

Forderung 1: Sofern es zu einer neuen Ausschreibung für die KRW kommt, muss der Nutzer*innenbeirat strukturell in die Agentur verankert werden!

Warum braucht es einen Nutzer*innenbeirat?

  • Erfahrungsschatz: NB besteht aus Personen mit diversen Hintergründen, Anbindung zu unterschiedlichen Nutzer*innengruppen und einem hohen Grad an Erfahrung und Wissen in Raumsuche und Raumbetrieb, die die Agenturarbeit bereichern
  • Anbindung von unten: NB erreicht ein breiteres Spektrum an raumsuchenden Menschen über unterschiedliche, auch informelle Kommunikationswege und macht Interessen, Probleme und Blickpunkte der Nutzer*innen sichtbar
  • kritischer Austausch: NB organisiert öffentliche Veranstaltungen in wechselnden Räumlichkeiten, die nicht an Service-Leistungen gebunden sind, sondern Diskussion und Austausch ermöglichen

Wie kann der Nutzer*innenbeirat strukturell verankert werden?

  • Organigramm: NB ist von Anfang an Teil der Ausschreibung und des Organigramms der KRW
  • Finanzielle Ausstattung: NB erhält ein jährliches Budget für Sitzungsgelder, Kommunikation und öffentliche Veranstaltungen
  • Informationsaustausch: Es werden gesicherte Strukturen etabliert, die den Informationsaustausch und Dialog gewährleisten; NB steht nicht in Konkurrenz mit Formaten der KRW, sondern bietet ergänzende Formate des Zugangs an
  • Transparenz: NB ist zu den Treffen der Steuerungsgruppe eingeladen

Forderung 2: Wir fordern die Stadt auf, Raumpolitik anders zu denken und mutig zu sein! Ziel wäre es, Raumbedarf und Raumangebot/Raumvermittlung in Einklang zu bringen und dafür die notwendigen Strukturen zu ermöglichen!

Die Schaffung von Strukturen zur Vermittlung von leerstehenden Räumen an Raumsuchende ist zu begrüßen. Allerdings wurde mit der Fokussierung auf „kreative Räume“ und auf „Zwischennutzung“ mit der KRW bisher ein Zugang gewählt, der exklusiv ist und viele Raumsuchende vorweg schon ausschließt und die Problematik von „Leerstand“ nicht in ihrer Komplexität adressieren kann.

Der Nutzer*innenbeirat empfiehlt dringend, diese Fokussierung aufzugeben und neue Strukturen herzustellen, die die Vermittlung von leerstehenden Räumen für diverse Raumsuchende ermöglichen.

Folgende Maßnahmen gehen damit einher:

  • Langfristige Nutzungen mitdenken: Entwicklung und Förderung von Strategien und Modellen, die auch langfristige Nutzungen ermöglichen; das impliziert auch verstärkte Arbeit an Kommunikation mit Eigentümer*innen, um Vertrauen für langfristige Nutzungen zu schaffen
  • Öffnung stadteigener Immobilien: Stadt Wien als Akteurin mit Vorbildfunktion und indirekter Einbindung der entsprechenden Ressorts (v. a. Wohnbau)
  • Ausweitung der Zielgruppen: stärkerer Fokus auf die Bedürfnisse der Raumsuchenden und Ausweitung auf soziale und zivilgesellschaftliche Initiativen und Einzelpersonen
  • Keine Instrumentalisierung für Stadtentwicklung, das heißt: ernsthafte Einbeziehung aktueller, kritischer Stadtforschung, um nicht selbst über Zielgebiete betriebene Aufwertungsprozesse und soziale Spaltungen zu fördern
  • Förderung vorhandener Strukturen: Bestehende Strukturen, die in dem Bereich Leerstandspolitik und Leerstandsnutzung über einen langen Zeitraum ein Know-how aufgebaut haben und lokal verankert sind (z. B. Gebietsbetreuungen), müssen finanziell und servicemäßig unterstützt und gefördert werden. Oftmals braucht es keine neuen Strukturen, die sich „von außen“ ein neues Profil erarbeiten
  • Agenturstruktur neu denken: Diese sollte so gestaltet sein, dass eine Vernetzung zwischen bereits bestehenden Initiativen und Institutionen (wie etwa Gebietsbetreuungen, BürgerInneninitiativen, Nutzerinnenbeirat, Vereine), die im jeweiligen Bezirk viel Erfahrung mit Leerstand/Raumnutzung und den Raumbedürfnissen von dort aktiven oder aktiv werden wollenden Vereinen und Privatpersonen haben, möglich ist. Damit diese Institutionen und Initiativen ihr Wissen und ihre Kontakte adäquat einbringen können, sollten unbedingt finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt werden. Keinesfalls angebracht wäre ein Nutzen der vorhandenen Strukturen ohne finanzielle Anerkennung des für diese entstehenden Zusatzaufwandes. Denkbar ist auch die Schaffung von Koordinationstellen in den Bezirken unter Einbindung der bereits dort agierenden Einrichtungen.

Nutzer*innenbeirat für Leerstand Wien

Betül Seyma Küpeli, IG Kultur Wien (Fanja Haybach), mo.ë (Alisa Beck), Josefine Thom (PRO21 Kampfassistenz), Talitha C. Tvarocska (TWAKA_design), Verein Gartenpolylog (Cordula Fötsch), Verein Kunst- und Kulturprojekt Samstag (Nadia Prauhart) (bis August 2017)

Der Abschlussbericht des Nutzer*innenbeirats Leerstand Wien Juni 2016 – Juni 2018 samt Forderungen für die Zukunft als Download:

Abschlussbericht_des_Nutzerinnenbeirats_20180704